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Die Toten schweigen nicht
"Paul's dritter Roman lässt uns in den Verstand des
Mannes blicken, der den neuesten Serienmörder Christchurchs
jagt. Privatdetektiv Theodore Tate wird hineingezogen in eine
Welt aus Mord und Selbstmord, wo selbst die Toten
nicht davor sicher sind gekidnappt zu werden."
Vergib
mir, Vater, denn ich habe gesündigt
Kurzbeschreibung:
Christchurch, Neuseeland. Am örtlichen Friedhof lässt
Privatdetektiv Theodore Tate eine Leiche exhumieren. Doch als
der Sarg geöffnet wird, liegen darin nicht wie erwartet die
Überreste eines alten Mannes, sondern der Körper einer
jungen Frau. Kurz darauf treiben mehrere Leichen an der Wasseroberfläche
des Friedhofssees. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen und
Tate setzt alles daran, ihn zu stellen. Doch bald gerät er
selbst ins Visier der Polizei. Hat der Killer es auch auf ihn
abgesehen?
1
Blaue
Fingernägel.
Deswegen bin ich hier draußen. Ich stehe in der kalten Brise
und zittere. Es sind nicht meine blauen Fingernägel, sie
gehören jemand anders. Einem toten Kerl, den ich nicht kenne.
Die Christchurch-Sonne, die mir vorhin auf den Pelz geknallt hat,
ist mittlerweile verschwunden. Ich bin an dieses wechselhafte
Wetter gewöhnt. Vor einer Stunde habe ich noch geschwitzt.
Vor einer Stunde wollte ich mir den Tag freinehmen und zum Strand
gehen. Jetzt bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Meine
Fingernägel verfärben sich wahrscheinlich gerade ebenfalls
blau, doch ich schaue lieber nicht hin.
Ich bin wegen eines toten Mannes hier. Nicht wegen dem in der
Erde unter mir, sondern wegen eines Typen, der jetzt im Leichenschauhaus
liegt. Er benimmt sich so normal, wie das jemandem möglich
ist, dessen Körper aufgeschlitzt und wie eine Stoffpuppe
wieder zusammengeflickt wurde. Was wiederum normal ist für
jemanden, der an einer Arsenvergiftung gestorben ist.
Ich wickle mich fester in meinen Mantel, doch bei dem kalten Wind
nutzt das nichts. Ich hätte mich wärmer anziehen sollen.
Beim Anblick der strahlenden Sonne heute Morgen hätte ich
einfach ahnen müssen, wie das Wetter wird. Das Gras auf dem
Friedhof ist an einigen Stellen ziemlich lang, besonders um die
Bäume herum, wo man mit dem Rasenmäher nicht hinkommt;
es neigt sich in sämtliche Richtungen wellenförmig von
mir fort, als wäre ich das Epizentrum eines sich anbahnenden
Sturms. Dort, wo häufig Besucher langgehen, ist das Gras
ganz kurz. Wo die Sonne die Feuchtigkeit verbrannt hat, ist es
braun. Ich stehe zwischen laut knarzenden Eichen, von denen es
Eicheln zwischen die Grabsteine regnet. Wenn sie auf den Gedenktafeln
landen, hört es sich an, als würden die Toten verzweifelt
mit den Knöcheln daran klopfen. Die Luft ist kalt und feucht
wie im Leichenschauhaus.
Bevor ich im Gesicht die ersten Tropfen spüre, sehe ich sie
auf der Windschutzscheibe des Baggers. Ich richte den Blick auf
den Horizont, dorthin, wo sich mit Schimmel bedeckte Grabsteine
Richtung Stadt wälzen, wo der Tod sich immer weiter ausdehnt
und in die Stadt vordringt. Der Wind frischt auf, und die Blätter
der Bäume rascheln, während von den Ästen noch
mehr Eicheln fallen. Eine davon trifft mich im Nacken. Ich zucke
zusammen und klaube sie aus meinem Kragen.
Der Motor des Baggers heult laut auf, als der Fahrer, ein übergewichtiger
Bursche, dessen Körper fast aus der Tür quillt, darin
Platz nimmt. Er scheint genauso aufgeregt wie ich zu sein. Er
drückt und zieht an verschiedenen Hebeln, langen und kurzen,
das Gesicht angespannt vor Konzentration. Während er den
Bagger neben die Grabstätte manövriert, kommt der Motor
ins Stottern, und als die Schaufel in die harte Erde dringt, fängt
die ganze Maschine an zu vibrieren. Die Schaufel schwenkt nach
oben, gräbt sich ein und füllt sich mit Erde. Die Führerkabine
des Baggers dreht sich, und die Erde landet auf einer Plane. Der
Friedhofswärter, ein junger Mann, steht daneben und beobachtet
das Ganze. Er hat Mühe, sich bei dem stärker werdenden
Wind eine Zigarette anzustecken; seine Hände zittern dabei
fast so stark wie seine Schultern. Nachdem der Bagger zwei weitere
Ladungen Erde beiseite geräumt hat, gibt er auf und stopft
die Zigaretten zurück in die Tasche. Er wirft mir einen Blick
zu, aus dem ich nicht ganz schlau werde. Ich hoffe, dass er nicht
rüberkommt, um sich zu beschweren, dass jemand in seiner
Ruhe gestört wird, doch das tut er nicht, stattdessen starrt
er wieder auf die geweihte Erde.
Die Vibrationen des Baggers wandern durch meine Füße
in meinen Körper, bis meine Beine anfangen zu kribbeln. Der
Baum hinter mir wird ebenfalls davon erfasst, sodass mir erneut
einige Eicheln in den Nacken prasseln. Ich trete aus dem Baumschatten
in den Nieselregen; dabei verdrehe ich mir an den dicken Wurzeln
der Eiche, die sich durch den Boden gegraben haben, fast den Knöchel.
Nur etwa fünfzehn Meter entfernt gibt es einen kleinen See,
etwa so groß wie ein Becken für Schwimmwettkämpfe.
Er ist vollständig vom Friedhof umgeben und wird über
einen unterirdischen Zufluss mit Wasser versorgt. Das macht den
Friedhof zu einem beliebten Ort für den Tod, wenn auch nicht
gerade zu einem Erholungsgebiet. Einige der Grabstätten liegen
dicht am Wasser, und ich frage mich, ob die Särge durch die
Feuchtigkeit in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich hoffe, dass
wir nicht gerade eine Kiste voller Wasser ausgraben.
Der Fahrer legt eine Pause ein, um sich mit einer Hand über
die Stirn zu wischen, als ob ihn das Hantieren mit den Hebeln
bei diesen kühlen Temperaturen ins Schwitzen bringen würde.
Dabei hinterlässt er mit dem Handschuh einen Ölstreifen
auf seiner Haut. Er schaut hinaus auf die Eichen und das saftige
Gras, auf die bewegte Oberfläche des Sees, vielleicht weil
er eines Tages ebenfalls hier begraben werden möchte. So
geht es jedem beim Anblick dieses Ortes. Eine schöne letzte
Ruhestätte. Hübsch und malerisch. Und friedlich. Als
ob das einen Unterschied machen würde. Als ob man es merken
würde, wenn jemand vorbeikommt und alle Bäume fällt.
Trotzdem, wenn man schon irgendwo begraben werden muss, sticht
dieser Friedhof eine Menge anderer aus, die ich gesehen habe.
Ein zweiter Pritschenwagen bahnt sich seinen Weg zwischen den
Grabsteinen hindurch. Er wurde ein wenig aufgemotzt, mit roten
Ralleystreifen und mit Stoffwürfeln im Fenster, allerdings
ist er seit Monaten nicht gewaschen worden, und die Seiten der
Türen sowie die Stoßstange sind voller Rostflecken.
Er hält neben der Grabstätte. Hinter dem Lenkrad klettert
ein glatzköpfiger Typ in grauer Arbeitskleidung hervor, stopft
die Hände in die Hosentaschen und verfolgt das Treiben. Auf
der Beifahrerseite steigt ein weiterer Mann aus; er ist jünger
als der Fahrer und fängt sofort an, mit seinem Handy herumzuspielen.
Viel mehr gibt es auch nicht zu tun, während der Erdhaufen
immer größer wird. Ich beobachte, wie der Regen auf
den See prasselt und trete ans Ufer. Alles ist besser, als dem
Bagger beim Graben zuzusehen. Selbst am See sind die Vibrationen
noch zu spüren. Kleine Erdklumpen rollen die Böschung
hinunter und platschen ins Wasser. An einigen Stellen rund um
den See stehen Flachspflanzen und Farne sowie ein paar Pappeln.
Am Ufer ragt langes Schilfrohr empor. Abgeknickte Äste und
Blätter, die sich voll Wasser gesaugt haben, treiben gegen
die Böschung.
Ich höre, wie die Schaufel über den Sargdeckel kratzt,
und drehe mich wieder zum Bagger um. Es klingt, als würde
jemand seine Fingernägel über eine Tafel ziehen; das
Geräusch lässt mich frösteln, mehr als die Kälte.
Der Friedhofswärter zittert wie Espenlaub. Er wirkt durchgefroren
und stinksauer. Bis zum Eintreffen des Baggers hielt ich es sogar
für möglich, dass er sich an den Grabstein kettet, um
die Umsiedelung eines seiner Mieter zu verhindern. Er hat uns
endlos über die moralischen Konsequenzen unseres Handelns
belehrt und sich aufgeführt, als würden wir den Sarg
ausgraben, um ihn persönlich hineinzulegen.
Der Baggerführer und die beiden Kerle aus dem Pritschenwagen
ziehen sich Masken über Mund und Nase und steigen hinab ins
Grab. Der übergewichtige Typ bewegt sich mit der Leichtigkeit
von jemandem, der für diesen Moment immer wieder trainiert
hat. Die drei verschwinden aus meinem Blickfeld, als hätten
sie einen verborgenen Zugang zu einer anderen Welt gefunden. Eine
Weile verharren sie vornübergebeugt dort unten; offensichtlich
überlegen sie, wie sie die Kette am Sarg und am Bagger befestigen
sollen. Als die Kette schließlich befestigt ist, klettert
der Fahrer zurück in den Bagger. Erneut wischt er sich mit
der Hand über die Stirn. Die Toten zu heben ist eine schweißtreibende
Arbeit.
Als er den Sarg nach oben bewegt, kommt der Motor ins Stottern.
Der Pritschenwagen wird angelassen und fährt rückwärts
heran. Durch die Vibration der beiden Motoren kullert erneut Erde
vom Ufer ins Wasser.
Etwa fünf Meter davon entfernt steigen plötzlich Blasen
an die Oberfläche, dann taucht etwas Schlamm auf. Aber da
ist noch etwas anderes, weiter unten. Etwas Dunkles, es sieht
aus wie ein Ölfleck.
Mit einem dumpfen Schlag senkt sich der Sarg auf die Ladefläche
des Pritschenwagens. Die Federung wird durch das Gewicht nach
unten gedrückt. Ich kann hören, wie die drei Männer
aufgeregt miteinander diskutieren, sie müssen fast schreien,
um sich bei dem Motorenlärm verständlich zu machen.
Der Regen wird jetzt stärker. Der dunkle Fleck, der unter
dem Wasser aufsteigt, durchbricht die Oberfläche. Er ähnelt
einem riesigen schwarzen Ballon. Ich habe so einen riesigen schwarzen
Ballon schon mal gesehen. Stets hofft man, dass es etwas anderes
ist, doch jedes Mal bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen.
„Hey, Kollege, Sie sollten sich das hier vielleicht mal
anschauen“, ruft einer der Männer.
Doch ich bin zu beschäftigt, um mich jetzt ablenken zu lassen.
„Hey, hören Sie überhaupt zu?“ Die Stimme
kommt näher. „Wir haben hier was, worauf Sie mal einen
Blick werfen sollten.“
Ich blicke zum Baggerführer hoch, während er auf mich
zukommt. Der Friedhofswärter folgt ihm. Wortlos starren beide
Männer ins Wasser.
Die schwarze Blase ist überhaupt keine Blase, sondern die
Rückseite einer Jacke. Sie treibt auf dem Wasser, zusammen
mit einem fußballgroßen Gegenstand. Einem behaarten
Gegenstand. Bevor ich antworten kann, steigt ein weiteres Objekt
blubbernd an die Oberfläche, und dann noch eins, während
der See nach und nach die Spuren der Vergangenheit preisgibt.
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