|
1
Sie suchen mich heim, wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter
starren mich an, ihre sanften Stimmen beschwören mich: Wach
auf, wach auf. Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern, daran,
was ich getan habe. Sie lächeln nicht, und sie machen mir
keine Vorhaltungen; sie sind bloß da und starren mich an.
Ich möchte alleine sein, einfach nur vergessen, aber ich
habe keine Stimme, mit der ich sie auffordern könnte, zu
verschwinden. Ich habe Angst vor dem, was sie wollen, obwohl ich
längst weiß, was es ist. Sie sind hier, um mir ein
schlechtes Gewissen zu machen. Mich ihren Hass spüren zu
lassen. Und ich teile ihre Gefühle. Sie können mich
nicht anfassen, denn sie sind bloße Geister. Genauso wenig
wie ich sie berühren kann, um sie beiseite zu schieben. Doch
Worte allein reichen nicht aus, um sie zu vertreiben. Ich starre
in ihre Augen und sehe die Schuld, die ich spüren soll, und
ich spüre sie, spüre kaum noch etwas anderes. Mit einem
Schrei im Mund, den ich gerade noch zurückhalten kann, komme
ich zu mir. Er schmeckt nach Blut und Tod. Ich lasse diesen Albtraum
hinter mir, doch nichts ändert sich. Es ist fünf Uhr
nachmittags, und ich bin schweißgebadet.
Ich reibe mir die Augen. Die Geister verschwinden, aber ihre Botschaft
hängt immer noch im Raum. Es gab eine Zeit, da war ich morgens
außerstande, Schuld oder Schmerz zu empfinden. Aber das
war, bevor die Stunde des Todes anbrach und das Böse mich
an der Hand nahm und mir vom Tod erzählte. Ich versuche,
die Reste des Traums abzuschütteln, versuche, die ganze Nacht
abzuschütteln, mit dem einzigen Ergebnis, dass sich die Bruchstücke
zu Kopfschmerzen zusammenballen.
Es ist Montag. Ich rolle zur Seite und bemerke am Boden meine
Kleidung von gestern. Die Shorts sind blutverschmiert. Als ich
mich aufsetze, tun mir die Muskeln weh. Die Bewegung löst
ein Pochen tief im Innern meines Schädels aus. Und als ich
die Beule an meiner Stirn berühre, dreht sich alles um mich
herum, allerdings nicht heftig genug, um darüber hinwegzusehen,
dass ich die Kleidung, die ich trage, von einer toten Frau bekommen
habe. Ich rutsche zur Bettkante und sitze regungslos da, die Ellbogen
auf die Knie gestützt. Die Blutflecken auf meinen Shorts
bestehen aus Spritzern unterschiedlicher Form und Größe.
Im Schlafzimmer ist es heiß, trotzdem fröstelt mich.
Als würden unzählige Spinnen meine Wirbelsäule
rauf- und runterkrabbeln, mich mit ihren haarigen Beinen und winzigen
Klauen packen, mich pieksen und beißen. Ich wische sie fort
und stehe auf.
Im Bad ziehe ich den Kopf ein, so als hätte sich die Decke
im Flur ein Stück abgesenkt. Seit gestern wurde das Haus
nicht mehr gelüftet. Und die Luft ist stickig. Ich öffne
das Badezimmerfenster, streife die fremden Sachen ab und steige
in die Dusche. Ein leichter Luftzug weht durchs Zimmer. Hin und
wieder klatscht der kalte Duschvorhang gegen meinen Körper.
Das Wasser tut gut, ich lasse es an mir herunterlaufen, aber ich
werde davon nicht sauber. Ekel steigt in mir hoch, ich fühle
mich schmutzig, und kurz darauf gehe ich in die Knie; Erbrochenes
brennt mir im Hals und spritzt auf den Fußboden. Neben meinem
Kopf prasselt das Wasser herab, läuft über meine Lippen,
doch der Geschmack des Todes ist immer noch da.
Ich rapple mich auf, drehe das Wasser ab und steige aus der Dusche.
Keine Lust, mich abzutrocknen. Am liebsten würde ich aufgeben,
einfach alles hinschmeißen. Ich betrachte meinen Körper.
Die Schnitte haben aufgehört zu bluten. Im Spiegel sieht
es so aus, als hätte man mir unter die dunkelblaue Haut an
der Stirn einen Golfball geschoben. Bei diesem Anblick fressen
sich die Kopfschmerzen noch tiefer in mein Gehirn. Lassen sich
häuslich nieder, bringen ein Schild an und richten sich für
einen längeren Aufenthalt ein.
Das Handtuch um meine Taille geschlungen, trotte ich durchs Haus.
Aus meinem Haar läuft Wasser und rinnt über meinen ganzen
Körper. Auf dem Teppich hinterlasse ich nasse Fußabdrücke.
Die stickige Luft ist wie ein feuchter Mantel. Ich habe das Gefühl,
als ginge ich durch eine Gruft. Und vielleicht ist das hier auch
nichts anderes. Ich schließe die Augen, und die zwei toten
Frauen, die in meinen Gedanken bei mir sind, stimmen mir zu. In
der Küche werfe ich zwei Schmerztabletten ein. Kein Mord
ohne Schmerzen. Bin ich ein Mörder?
Im Wohnzimmer öffne ich Vorhänge und Fenster. Heiße
Luft zieht ab, und warme Luft strömt herein. Dann hole ich
mir eine Coke aus dem Kühlschrank und setze mich vor den
Fernseher. Ich schnappe mir die Fernbedienung, ohne einen der
Knöpfe zu drücken, und nehme ein paar Schlucke von der
Coke. Für einige Minuten starre ich auf die leere Glotze
und mein Wohnzimmer, das sich verzerrt darin spiegelt. Schließlich
schalte ich ein.
Der" Fernseher flackert auf und über den Bildschirm
flimmert zweidimensionales Leben. Es wäre einfacher, wenn
das ganze Leben so wäre. Die Nachrichten laufen bereits,
und die Todesfälle sind die Hauptmeldung. Reporter und Moderatoren
sind adrette Menschen, die mit einem Lächeln schreckliche
Nachrichten verkünden. Ich frage mich, ob sie nach Art der
Meldung bezahlt werden - je größer die Tragödie,
desto höher die Gage. Sie verwenden Ausdrücke wie Mega-Mord",
weil sie nicht die richtigen Begriffe kennen, um eine menschliche
Tragödie wie diese zu dramatisieren. Ich frage mich, was
für Worte sie benutzen würden, wenn sie letzte Nacht
bei mir gewesen wären. Sie reden von einem Viertel unter
Schock: Es gab nicht nur einen Mord, sondern gleich zwei - da
bekommen die gottesfürchtigen Steuerzahler wirklich was für
ihr Geld geboten. Sinnlose Verbrechen, sagen sie. Die bestialische
Tat eines Wahnsinnigen, sagen sie. Wie bestialisch genau, wissen
sie nicht, aber sie stellen gerne Vermutungen an. Kein Motiv,
keine Hinweise, keine Spuren. Über so was berichten sie am
liebsten. Sie verwenden so oft den Ausdruck Ritualmord",
dass man glauben könnte, eine Firma für Reinigungsmittel
habe sie dafür bezahlt, weil sich ein derart teuflisches
Massaker am besten mit ihrem Produkt beseitigen lässt. Hinsichtlich
unbestätigter Informationen berufen sie sich auf eine interne
Quelle".
Während Fotos aus dem Leben von Kathy und Luciana über
den Bildschirm flackern, erfahre ich Dinge, die ich letzte Nacht
nicht erfahren konnte. Der Reporter berichtet von ihren persönlichen
Erfolgen, ihren persönlichen Ambitionen. Familienangehörige
und Freunde sind zu sehen, tauschen Anekdoten aus, teilen ihren
Schmerz. Das Ganze ist ein Sammelsurium aus Einzelheiten, die
ich längst kennen würde, wenn ich nicht zugelassen hätte,
dass sie sterben. Bald werde auch ich im Fernsehen auftauchen.
Und man wird mir ein Mikrofon unter die Nase halten, um mir einen
kurzen Kommentar zu entlocken. Man wird mir dieselbe Frage stellen
wie die Geister - warum?
Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Dann hebe ich die
blutverschmierten Shorts auf und werfe sie in die Waschküche.
Aus dem untersten Fach des Kleiderschranks ziehe ich einen abgewetzten
Koffer hervor und werfe ihn aufs Bett. Ich muss die Stadt verlassen.
Am besten das Land. Einfach meine Sachen packen und verschwinden.
Das bedeutet zwar, dass ich meine Freunde und meinen Job und meine
Hypothek hinter mir lasse, aber das ist immer noch besser, als
im Knast zu versauern. Ich brauche lediglich ein paar Sekunden,
um das zu begreifen, und bloß fünfzehn Minuten, um
zu packen.
So langsam kehrt mein Körperempfinden zurück und mit
ihm ein leichter Hunger. Seit ich aufgewacht bin, hatte ich das
Gefühl, als würde ein Fremder in meinem Körper
wohnen. Ich mache das, was man tut, um Sandwiches zuzubereiten,
und während ich sie für einen Moment betrachte, frage
ich mich, was zum Teufel ich hier eigentlich tue. Dann esse ich
sie. Sie schmecken nach Asche. Genau wie der Orangensaft, den
ich hinterherschütte.
Ich setze aus der Auffahrt zurück. Fast sieben Uhr, und der
Abend ist noch jung. Die Luft ist warm und schwül und riecht
nach frisch gemähtem Gras. Die Sonne, die von den Fenstern
der Häuser in meiner Straße reflektiert wird, brennt
darin wie Feuer. Sie scheint auf die glänzende Oberfläche
eines benachbarten Wagens, und direkt in meine Augen. Ein Junge
mit einer umgedrehten Baseball-Kappe fährt auf seinem Rad
den Gehweg entlang und stopft Faltblätter in die Briefkästen.
Dabei kann es sich um Reklame für Toaster handeln oder um
den Aufruf, ihm bei der Suche nach seinem Welpen zu helfen. Ein
paar Türen weiter kniet eine ältere Frau und jätet
im Garten Unkraut. Sie winkt mir zu. Ich winke zurück, aber
die Geste fühlt sich hohl an. Sie würde nicht winken,
wenn sie wüsste, dass der Charlie Friedman, den sie zu kennen
glaubte, gerade das Land verlässt. Die Frau wendet sich wieder
ihrem Unkraut zu. Der Junge legt ein Faltblatt in meinen Briefkasten
und rollt weiter zum nächsten. Ich fahre meine Straße
hinunter und beobachte im Spiegel, wie sie beide kleiner werden.
Ein paar Minuten später komme ich an dem Feld vorbei, auf
dem ich in den frühen Stunden des Montagmorgen zum ersten
Mal mit der Wirklichen Welt zu tun hatte, einer Welt, in der es
keine alten Frauen mit grünen Fingern gibt, keine spielenden
Kinder, keine frischgebackenen Kuchen auf den Fensterbrettern
des unbeschwerten Lebens. Jesus, ich weiß nicht mal mehr,
worum es im Leben überhaupt geht. Jedenfalls bestimmt nicht
um unsere alltäglichen Gewohnheiten, darum, die Hypothek
abzubezahlen und Lebensmittel zu kaufen, oder darum, Happy Birthday
zu singen, Briefmarken abzulecken oder platte Reifen zu wechseln.
Früher habe ich geglaubt, dass es darum geht. Früher
habe ich geglaubt, dass es Gerechtigkeit in dieser Welt gibt,
ein Gleichgewicht der Kräfte, aber alles, worum es geht,
ist Leben und Sterben. Man möchte glauben, dass es vor allem
darum geht zu leben, zu überleben, aber ganz egal, wie sehr
man sich auch anstrengt, schließlich geht es doch nur ums
Sterben.
Während ich das hohe Gras und die Bäume betrachte, die
Erde und das Gestrüpp, wird mir klar, dass lediglich ein
paar Schaufeln Erde nötig sind, um ein flaches Grab auszuheben.
Gut möglich, dass dort draußen unter der Erde noch
ein weiteres Dutzend Leute liegen, vergessen von ihren Lieben,
vergessene Leben. Vergessen. Die Bäume am hinteren Ende wirken
nicht annähernd so beeindruckend wie in jenen frühen
Morgenstunden. Natürlich - die Stunde des Todes ist vorbei.
Und es stehen auch keine Polizeiautos herum, und es gibt kein
Band, mit dem der Tatort absperrt wurde, kein Rauschen und Quäken
von irgendwelchen Funkgeräten. Dort sind nur Geister. Sie
stehen im hohen Gras und wollen mich zu sich ziehen. Sie rufen
mir zu, sie klagen mich an. Sie wollen mich berühren, festhalten
und nie wieder fortlassen.
Ich zittere am ganzen Körper, als ich auf die Schnellstraße
abbiege.
In der Wirklichen Welt geht es nicht um Schicksal, und ganz bestimmt
nicht um Glück. Falls es doch darum geht, hat es Luciana
und Kathy zur selben Zeit verlassen wie mich. Ich steige aufs
Gas und schere mich nicht ums Tempolimit. Bevor ich mich aus dem
Staub machen kann, habe ich noch etwas zu erledigen - es gibt
eine weitere Frau, die ich aufsuchen muss.
2
Detective Inspector Bill Landry wirft einen Blick auf seine Armbanduhr,
dann auf die roten Ziffern des Weckers. Er weicht um zwei Minuten
von seiner Uhr ab. Landry sieht dabei zu, wie die letzte Ziffer
von acht auf neun umspringt. Die Frau, wegen der er hier ist,
ist jetzt eine weitere Minute länger tot. Und das sollte
sie nicht sein. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren.
Er braucht dringend eine Zigarette. Das Leben ist nicht mehr dasselbe,
wenn es allmählich seinem Ende entgegengeht. Sein Blick wandert
über die Gesichtszüge der toten Frau und bleibt an ihren
glasigen Augen hängen. Sie würde ihm zustimmen. Sie
würde ihm auch zustimmen, dass er jetzt einen Kaffee braucht.
Er mustert ihre Hände, ihre Fingernägel, und fragt sich,
ob sich darunter Hautfetzen von ihrem Mörder befinden. Außerdem
fragt er sich, was sie bei ihrer letzten Maniküre anders
gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Nägel
von so vielen Leuten betrachtet werden. Er fragt sich, was die
Maniküre gekostet hat. All die kleinen Dinge zwischen Leben
und Tod haben ihren Preis. Der Tod kostet erst mal nicht viel.
Es fängt zum Beispiel mit einem Fünfzig-Dollar-Besuch
beim Arzt an. Aber nach und nach zahlt man drauf. Man versucht
den Krebs oder irgendeine andere Krankheit, die einen plagt und
zerstört, zu bekämpfen.
Manchmal sind es auch nicht fünfzig Dollar. Manchmal sind
es nur fünf. Oder zehn. Eine Investition von zehn Dollar.
Ein Messer, zum Beispiel. Oder eine Gartenschere. Sie schneiden
schneller durch Haut und Fleisch als jede Krankheit. Egal, was
dich zerstört, es gibt immer Unkosten. Für neue Kleidung,
um die blutigen Sachen zu ersetzen. Oder für kleinere Klamotten,
um die Sachen zu ersetzen, in die dein ausgemergelter Körper
nicht mehr reinpasst. Für den Alkohol, um die Nerven zu beruhigen.
Und die Familie des Opfers wälzt Hochglanzkataloge für
Särge, wählt Farbe, Ausführung und Stil nach dem
aus, was momentan eben angesagt ist. Die Grabstelle - nur die
beste Lage heutzutage - kommt noch zur Rechnung dazu, außerdem
ein neuer Anzug oder ein neues Kleid für den Leichnam. Und
die Trauerkleidung. Wenn die schlechten Nachrichten von einem
Cop statt von einem Arzt überbracht werden, steigen die Ausgaben
noch schneller. Ein Mord, und Bargeld fließt in Strömen.
Honorare. Prozesse. Anwälte. Nachrichtenbeiträge. Leute,
die Rechnungen stellen und Kapital aus dem Bösen schlagen.
Der Tag kühlt langsam ab. Das sollte er auch. Die Luft im
Innern des Hauses ist zum Schneiden - sie riecht und schmeckt
nach fauligem Obst. Landry kann weder die Klimaanlage einschalten
noch eines der Fenster öffnen - nichts ist erlaubt, was die
Temperatur im Haus verändern könnte. Der Gerichtsmediziner
und die Jungs von der Spurensicherung bekämen einen Anfall.
Er geht rüber zum Fenster und blickt hinaus in den Tag, der
sich langsam dem Ende zuneigt, und fragt sich, ob er wirklich
irgendwann zu Ende geht. Der gepflegte Garten mit seinen goldgelben
Kieselsteinen und teuren Pflanzen ist übersät mit den
gelben Plastiktäfelchen der Spurensicherung. Mit ihren schwarzen
Zahlen wirken sie wie größere Versionen dieser Bestellmarken,
die man in der Pizzeria bekommt. Er fragt sich, ob beide von derselben
Firma hergestellt werden oder je nach Maß von verschiedenen
Unternehmen.
Auf dem benachbarten Haus steht die Sonne. Sie gleißt auf
dem dunkelblauen Metalldach und lässt die Zitronen im nahegelegenen
Baum violett wirken. Landry ballt die Hände zu Fäusten.
An den Fenstern des Reihenhauses stehen die Bewohner. Mit aufgerissenen
Augen und weit geöffneten Mündern starren sie ihn an,
die Blicke von ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Er wünschte,
er könnte sie verhaften. Er wünschte, er könnte
den Typen feuern, der es versäumt hat, rüberzugehen
und große Planen aufzuhängen, um ihnen die Sicht zu
versperren. Angewidert wendet er sich ab.
Mit vorsichtigen Schritten durchquert er das Zimmer. An einigen
Stellen ist getrocknetes Blut zu sehen, und es gibt Spuren von
Gewalt. Wie an dem anderen Tatort.
Es ist nicht zu übersehen, dass hier eine Frau gewohnt hat
- da sind zwei Blumenvasen, mehrere langweilige Gemälden
mit romantischen Motiven und Kerzen auf dem Schminktisch. Der
ganze Krempel, den seine Frau rumliegen hatte, als sie noch seine
Frau war. Unter einem Spiegel an der Wand, dessen Glas mit Flecken
von Haarspray beschmiert ist, sind verschiedene Artikel zur Haar-
und Gesichtspflege verteilt. Und auf dem Boden neben mehreren
Paar Schuhen liegt ein Föhn. Außerdem bemerkt er einen
Abfalleimer voller Papiertaschentücher und Wattestäbchen.
Ein Paar Hausschuhe, die wie die Köpfe von Cartoon-Löwen
aussehen. Und an der Wand neben dem Kleiderschrank einen Kalender
mit alten Filmplakaten. Das Blatt für Februar zeigt einen
wütenden King Kong von 1933 auf dem Dach des Empire State
Building, der mehrere Flugzeuge abwehrt, während er verzweifelt
sein Mädchen umklammert hält. Keiner der Tage ist eingekreist,
es gibt keinen Eintrag. Nichts, was auf diesen schrecklichen Tag
hindeuten würde.
Das Zimmer ist mit Fingerabdruckpulver und dutzenden von leeren
Plastikbeuteln für Beweisstücke übersät. Auf
dem Boden verstreut liegen ein paar vereinzelte Handschuhe, Notizbücher
und amtliche Formulare. In aller Ruhe befestigt der Gerichtsmediziner
Papiertüten an Händen und Füßen der Toten,
um so die Spuren unter ihren Nägeln zu schützen. Neben
ihm steht einer seiner Koffer mit einer Auswahl an Scheren, Klingen,
Wattestäbchen und Nadeln. In einem größeren Plastikeinsatz,
fein säuberlich aufgereiht, befinden sich etikettierte Behälter
mit Proben von Haaren, Stofffasern und Blut. Dann sind da noch
die Listen mit den Gegenständen, die im Haus gefunden wurden,
sowie unzählige verstreute Gummibänder, Lineale und
Maßbänder. Bei Landrys Ankunft sah es nicht ganz so
chaotisch aus. Inzwischen hat es den Anschein, als wäre ein
Wirbelsturm durchs Haus gefegt. Kurz vor der Schlafzimmertür
wartet ein sauber gefalteter Leichensack darauf, den Grund für
diesen Wirbelsturm in sich aufzunehmen.
Ein Mitarbeiter der Spurensicherung mit behaartem Nacken und einem
nervösen Zucken macht Fotos von dem Leichnam; das Piepsen
und Flackern des Blitzlichts ist Landry die ganze letzte halbe
Stunde gehörig auf die Nerven gegangen. Sein Kollege hat
zwei Fotoapparate um den Hals baumeln, eine 35mm-Kamera, und eine
digitale. Alle paar Minuten muss er den Film wechseln.
Landry schnappt sich das Adressbuch des Opfers, geht in eine Ecke
des Zimmers und prüft es zum dritten Mal. Einige der darin
Verzeichneten wissen wahrscheinlich immer noch nicht, was passiert
ist. Andere wiederum weinen sich an einer starken Schulter aus
oder betäuben ihren Schmerz mit Alkohol, während sie
sich fragen, warum, zum Teufel, diese Welt so ein beschissener
Ort ist.
Plötzlich hat er genug. Er klemmt sich das Adressbuch unter
den Arm, verlässt das Zimmer und schiebt sich an den anderen
Detectives vorbei in den Flur. Sie sprechen ihn an, doch er muss
raus hier, sofort. Er eilt die Treppe hinunter und steuert auf
die Eingangstür zu. Ihm geht ein Radio-Jingle nicht mehr
aus dem Kopf, von einer Werbung für Sicherheitssysteme. Wäre
die Frau trotzdem tot, auch wenn sie diese Werbung gehört
hätte? Er kämpft gegen das Verlangen an, die Melodie
vor sich hin zu summen.
Er zerrt an seinem Hemdkragen. Im Haus ist es heiß, verdammt
heiß. Abgesehen vom Schlafzimmer gibt es im Haus keinen
weiteren Anzeichen von Gewalt - keine zerschlagenen Möbelstücke,
keine Blutflecken. Genau wie an dem anderen Tatort. Keine zerbrochenen
Fenster. Kein gewaltsames Eindringen. Lediglich zwei tote Frauen,
und kein Motiv. So ist es immer.
Er schafft es nach draußen und läuft zur Seite des
Hauses, wo er sich hinhockt und trocken in der kühlen Abendluft
würgt. Schnell zieht er aus seiner Tasche zwei Plastiktüten
für Beweismittel hervor. In die eine lässt er das Adressbuch
rutschen. Und nachdem er sich versichert hat, dass ihn niemand
beobachtet, hält er die andere an den Mund. Schon nach wenigen
Sekunden hört er auf zu würgen und spuckt die letzten
Essensreste in die Tüte. Dann verschließt er sie sorgfältig
und geht zum Wagen.
Er kann jetzt nicht ins Haus zurück. Noch nicht. Wahrscheinlich
nicht mal heute Abend. Normalerweise würde er sich um alles
kümmern, den ganzen Tag dort bleiben - so lange, wie es eben
dauert. Allerdings hat er sonst auch nicht so eine heiße
Spur wie in diesem Fall. Er legt die Tüte mit dem Erbrochenen
in den Kofferraum. Er kann sich vorstellen, was für Sprüche
er von den Kollegen zu hören bekäme, wenn sie wüssten,
dass er sich übergeben hat. Noch einmal nimmt er das Adressbuch
heraus und sieht es erneut durch, sucht nach irgendwelchen Hinweisen
auf Charlie Feldman. Aber Fehlanzeige. Und das ist seltsam. Denn
in einer dritten Tüte, die er in seiner Jackentasche hat,
steckt ein Notizblock, den er neben der Leiche gefunden hat. Und
Landry kann es kaum erwarten zu erfahren, wie Mr. Feldmans Name
auf diesem blutverschmierten Notizblock gelandet ist.
|