„schonungslos ergreifend, herrlich verdreht und mit einem Schuss schwarzen Humors in den Venen, der so dunkel wie die Hölle ist ...“
Mark Billingham

 








erschienen im Juni 2008 - Heyne Verlag

Die Stunde des Todes

"Paul's Nachfolgewerk zu seinem Debütroman aus der dunklen Seite Christchurchs ist erneut ein Kriminalroman mit komplexen Figuren und Handlungssträngen.
Ab Mai 2007 bei Random House in Neuseeland erhältlich - ein Buch das man im Auge behalten muss."



Was hat Charlie getan? Nur die Toten wissen es genau.

"Sie suchen mich heim wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter starren mich an, ihre leisen Stimmen sagen mir ich soll aufwachen, aufwachen.
Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern - um mich daran zu erinnern, was ich getan habe."

Nur - Charlie weiß nicht, was er getan hat. Er ist von Blut bedeckt , hat eine Schwellung auf der Stirn und in den Nachrichten wird berichtet, daß die beiden jungen Frauen mit denen er letzte Nacht zusammen war brutal umgebracht wurden.

Charlie weiß, daß Cyris der Mörder ist - aber die Polizei glaubt nicht, daß Cyris tatsächlich existiert.
Genauso wenig wie Jo - Charlie's Exfrau.
Er möchte verzeifelt , daß sie ihm Glauben schenkt, denn Tatsache ist, daß er selbst auch nicht sicher ist ob Cyris existiert.
Und nun ist Charlie auf der Flucht mit einer gefesselten und geknebelten Jo im Kofferraum seines Wagens und die Todesstunde rückt wieder näher.

"Genauso fesselnd und packend wie in seinem ersten Roman, erhält er auch hier mit einer fantastischen Geschichte bis zur letzten Seite die Spannung aufrecht."



1


Sie suchen mich heim, wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter starren mich an, ihre sanften Stimmen beschwören mich: Wach auf, wach auf. Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern, daran, was ich getan habe. Sie lächeln nicht, und sie machen mir keine Vorhaltungen; sie sind bloß da und starren mich an. Ich möchte alleine sein, einfach nur vergessen, aber ich habe keine Stimme, mit der ich sie auffordern könnte, zu verschwinden. Ich habe Angst vor dem, was sie wollen, obwohl ich längst weiß, was es ist. Sie sind hier, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Mich ihren Hass spüren zu lassen. Und ich teile ihre Gefühle. Sie können mich nicht anfassen, denn sie sind bloße Geister. Genauso wenig wie ich sie berühren kann, um sie beiseite zu schieben. Doch Worte allein reichen nicht aus, um sie zu vertreiben. Ich starre in ihre Augen und sehe die Schuld, die ich spüren soll, und ich spüre sie, spüre kaum noch etwas anderes. Mit einem Schrei im Mund, den ich gerade noch zurückhalten kann, komme ich zu mir. Er schmeckt nach Blut und Tod. Ich lasse diesen Albtraum hinter mir, doch nichts ändert sich. Es ist fünf Uhr nachmittags, und ich bin schweißgebadet.

Ich reibe mir die Augen. Die Geister verschwinden, aber ihre Botschaft hängt immer noch im Raum. Es gab eine Zeit, da war ich morgens außerstande, Schuld oder Schmerz zu empfinden. Aber das war, bevor die Stunde des Todes anbrach und das Böse mich an der Hand nahm und mir vom Tod erzählte. Ich versuche, die Reste des Traums abzuschütteln, versuche, die ganze Nacht abzuschütteln, mit dem einzigen Ergebnis, dass sich die Bruchstücke zu Kopfschmerzen zusammenballen.

Es ist Montag. Ich rolle zur Seite und bemerke am Boden meine Kleidung von gestern. Die Shorts sind blutverschmiert. Als ich mich aufsetze, tun mir die Muskeln weh. Die Bewegung löst ein Pochen tief im Innern meines Schädels aus. Und als ich die Beule an meiner Stirn berühre, dreht sich alles um mich herum, allerdings nicht heftig genug, um darüber hinwegzusehen, dass ich die Kleidung, die ich trage, von einer toten Frau bekommen habe. Ich rutsche zur Bettkante und sitze regungslos da, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Die Blutflecken auf meinen Shorts bestehen aus Spritzern unterschiedlicher Form und Größe. Im Schlafzimmer ist es heiß, trotzdem fröstelt mich. Als würden unzählige Spinnen meine Wirbelsäule rauf- und runterkrabbeln, mich mit ihren haarigen Beinen und winzigen Klauen packen, mich pieksen und beißen. Ich wische sie fort und stehe auf.

Im Bad ziehe ich den Kopf ein, so als hätte sich die Decke im Flur ein Stück abgesenkt. Seit gestern wurde das Haus nicht mehr gelüftet. Und die Luft ist stickig. Ich öffne das Badezimmerfenster, streife die fremden Sachen ab und steige in die Dusche. Ein leichter Luftzug weht durchs Zimmer. Hin und wieder klatscht der kalte Duschvorhang gegen meinen Körper. Das Wasser tut gut, ich lasse es an mir herunterlaufen, aber ich werde davon nicht sauber. Ekel steigt in mir hoch, ich fühle mich schmutzig, und kurz darauf gehe ich in die Knie; Erbrochenes brennt mir im Hals und spritzt auf den Fußboden. Neben meinem Kopf prasselt das Wasser herab, läuft über meine Lippen, doch der Geschmack des Todes ist immer noch da.

Ich rapple mich auf, drehe das Wasser ab und steige aus der Dusche. Keine Lust, mich abzutrocknen. Am liebsten würde ich aufgeben, einfach alles hinschmeißen. Ich betrachte meinen Körper. Die Schnitte haben aufgehört zu bluten. Im Spiegel sieht es so aus, als hätte man mir unter die dunkelblaue Haut an der Stirn einen Golfball geschoben. Bei diesem Anblick fressen sich die Kopfschmerzen noch tiefer in mein Gehirn. Lassen sich häuslich nieder, bringen ein Schild an und richten sich für einen längeren Aufenthalt ein.

Das Handtuch um meine Taille geschlungen, trotte ich durchs Haus. Aus meinem Haar läuft Wasser und rinnt über meinen ganzen Körper. Auf dem Teppich hinterlasse ich nasse Fußabdrücke. Die stickige Luft ist wie ein feuchter Mantel. Ich habe das Gefühl, als ginge ich durch eine Gruft. Und vielleicht ist das hier auch nichts anderes. Ich schließe die Augen, und die zwei toten Frauen, die in meinen Gedanken bei mir sind, stimmen mir zu. In der Küche werfe ich zwei Schmerztabletten ein. Kein Mord ohne Schmerzen. Bin ich ein Mörder?

Im Wohnzimmer öffne ich Vorhänge und Fenster. Heiße Luft zieht ab, und warme Luft strömt herein. Dann hole ich mir eine Coke aus dem Kühlschrank und setze mich vor den Fernseher. Ich schnappe mir die Fernbedienung, ohne einen der Knöpfe zu drücken, und nehme ein paar Schlucke von der Coke. Für einige Minuten starre ich auf die leere Glotze und mein Wohnzimmer, das sich verzerrt darin spiegelt. Schließlich schalte ich ein.

Der" Fernseher flackert auf und über den Bildschirm flimmert zweidimensionales Leben. Es wäre einfacher, wenn das ganze Leben so wäre. Die Nachrichten laufen bereits, und die Todesfälle sind die Hauptmeldung. Reporter und Moderatoren sind adrette Menschen, die mit einem Lächeln schreckliche Nachrichten verkünden. Ich frage mich, ob sie nach Art der Meldung bezahlt werden - je größer die Tragödie, desto höher die Gage. Sie verwenden Ausdrücke wie „Mega-Mord", weil sie nicht die richtigen Begriffe kennen, um eine menschliche Tragödie wie diese zu dramatisieren. Ich frage mich, was für Worte sie benutzen würden, wenn sie letzte Nacht bei mir gewesen wären. Sie reden von einem Viertel unter Schock: Es gab nicht nur einen Mord, sondern gleich zwei - da bekommen die gottesfürchtigen Steuerzahler wirklich was für ihr Geld geboten. Sinnlose Verbrechen, sagen sie. Die bestialische Tat eines Wahnsinnigen, sagen sie. Wie bestialisch genau, wissen sie nicht, aber sie stellen gerne Vermutungen an. Kein Motiv, keine Hinweise, keine Spuren. Über so was berichten sie am liebsten. Sie verwenden so oft den Ausdruck „Ritualmord", dass man glauben könnte, eine Firma für Reinigungsmittel habe sie dafür bezahlt, weil sich ein derart teuflisches Massaker am besten mit ihrem Produkt beseitigen lässt. Hinsichtlich unbestätigter Informationen berufen sie sich auf eine „interne Quelle".

Während Fotos aus dem Leben von Kathy und Luciana über den Bildschirm flackern, erfahre ich Dinge, die ich letzte Nacht nicht erfahren konnte. Der Reporter berichtet von ihren persönlichen Erfolgen, ihren persönlichen Ambitionen. Familienangehörige und Freunde sind zu sehen, tauschen Anekdoten aus, teilen ihren Schmerz. Das Ganze ist ein Sammelsurium aus Einzelheiten, die ich längst kennen würde, wenn ich nicht zugelassen hätte, dass sie sterben. Bald werde auch ich im Fernsehen auftauchen. Und man wird mir ein Mikrofon unter die Nase halten, um mir einen kurzen Kommentar zu entlocken. Man wird mir dieselbe Frage stellen wie die Geister - warum?

Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Dann hebe ich die blutverschmierten Shorts auf und werfe sie in die Waschküche. Aus dem untersten Fach des Kleiderschranks ziehe ich einen abgewetzten Koffer hervor und werfe ihn aufs Bett. Ich muss die Stadt verlassen. Am besten das Land. Einfach meine Sachen packen und verschwinden. Das bedeutet zwar, dass ich meine Freunde und meinen Job und meine Hypothek hinter mir lasse, aber das ist immer noch besser, als im Knast zu versauern. Ich brauche lediglich ein paar Sekunden, um das zu begreifen, und bloß fünfzehn Minuten, um zu packen.

So langsam kehrt mein Körperempfinden zurück und mit ihm ein leichter Hunger. Seit ich aufgewacht bin, hatte ich das Gefühl, als würde ein Fremder in meinem Körper wohnen. Ich mache das, was man tut, um Sandwiches zuzubereiten, und während ich sie für einen Moment betrachte, frage ich mich, was zum Teufel ich hier eigentlich tue. Dann esse ich sie. Sie schmecken nach Asche. Genau wie der Orangensaft, den ich hinterherschütte.

Ich setze aus der Auffahrt zurück. Fast sieben Uhr, und der Abend ist noch jung. Die Luft ist warm und schwül und riecht nach frisch gemähtem Gras. Die Sonne, die von den Fenstern der Häuser in meiner Straße reflektiert wird, brennt darin wie Feuer. Sie scheint auf die glänzende Oberfläche eines benachbarten Wagens, und direkt in meine Augen. Ein Junge mit einer umgedrehten Baseball-Kappe fährt auf seinem Rad den Gehweg entlang und stopft Faltblätter in die Briefkästen. Dabei kann es sich um Reklame für Toaster handeln oder um den Aufruf, ihm bei der Suche nach seinem Welpen zu helfen. Ein paar Türen weiter kniet eine ältere Frau und jätet im Garten Unkraut. Sie winkt mir zu. Ich winke zurück, aber die Geste fühlt sich hohl an. Sie würde nicht winken, wenn sie wüsste, dass der Charlie Friedman, den sie zu kennen glaubte, gerade das Land verlässt. Die Frau wendet sich wieder ihrem Unkraut zu. Der Junge legt ein Faltblatt in meinen Briefkasten und rollt weiter zum nächsten. Ich fahre meine Straße hinunter und beobachte im Spiegel, wie sie beide kleiner werden.

Ein paar Minuten später komme ich an dem Feld vorbei, auf dem ich in den frühen Stunden des Montagmorgen zum ersten Mal mit der Wirklichen Welt zu tun hatte, einer Welt, in der es keine alten Frauen mit grünen Fingern gibt, keine spielenden Kinder, keine frischgebackenen Kuchen auf den Fensterbrettern des unbeschwerten Lebens. Jesus, ich weiß nicht mal mehr, worum es im Leben überhaupt geht. Jedenfalls bestimmt nicht um unsere alltäglichen Gewohnheiten, darum, die Hypothek abzubezahlen und Lebensmittel zu kaufen, oder darum, Happy Birthday zu singen, Briefmarken abzulecken oder platte Reifen zu wechseln. Früher habe ich geglaubt, dass es darum geht. Früher habe ich geglaubt, dass es Gerechtigkeit in dieser Welt gibt, ein Gleichgewicht der Kräfte, aber alles, worum es geht, ist Leben und Sterben. Man möchte glauben, dass es vor allem darum geht zu leben, zu überleben, aber ganz egal, wie sehr man sich auch anstrengt, schließlich geht es doch nur ums Sterben.

Während ich das hohe Gras und die Bäume betrachte, die Erde und das Gestrüpp, wird mir klar, dass lediglich ein paar Schaufeln Erde nötig sind, um ein flaches Grab auszuheben. Gut möglich, dass dort draußen unter der Erde noch ein weiteres Dutzend Leute liegen, vergessen von ihren Lieben, vergessene Leben. Vergessen. Die Bäume am hinteren Ende wirken nicht annähernd so beeindruckend wie in jenen frühen Morgenstunden. Natürlich - die Stunde des Todes ist vorbei. Und es stehen auch keine Polizeiautos herum, und es gibt kein Band, mit dem der Tatort absperrt wurde, kein Rauschen und Quäken von irgendwelchen Funkgeräten. Dort sind nur Geister. Sie stehen im hohen Gras und wollen mich zu sich ziehen. Sie rufen mir zu, sie klagen mich an. Sie wollen mich berühren, festhalten und nie wieder fortlassen.

Ich zittere am ganzen Körper, als ich auf die Schnellstraße abbiege.

In der Wirklichen Welt geht es nicht um Schicksal, und ganz bestimmt nicht um Glück. Falls es doch darum geht, hat es Luciana und Kathy zur selben Zeit verlassen wie mich. Ich steige aufs Gas und schere mich nicht ums Tempolimit. Bevor ich mich aus dem Staub machen kann, habe ich noch etwas zu erledigen - es gibt eine weitere Frau, die ich aufsuchen muss.

2


Detective Inspector Bill Landry wirft einen Blick auf seine Armbanduhr, dann auf die roten Ziffern des Weckers. Er weicht um zwei Minuten von seiner Uhr ab. Landry sieht dabei zu, wie die letzte Ziffer von acht auf neun umspringt. Die Frau, wegen der er hier ist, ist jetzt eine weitere Minute länger tot. Und das sollte sie nicht sein. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren. Er braucht dringend eine Zigarette. Das Leben ist nicht mehr dasselbe, wenn es allmählich seinem Ende entgegengeht. Sein Blick wandert über die Gesichtszüge der toten Frau und bleibt an ihren glasigen Augen hängen. Sie würde ihm zustimmen. Sie würde ihm auch zustimmen, dass er jetzt einen Kaffee braucht.

Er mustert ihre Hände, ihre Fingernägel, und fragt sich, ob sich darunter Hautfetzen von ihrem Mörder befinden. Außerdem fragt er sich, was sie bei ihrer letzten Maniküre anders gemacht hätte, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Nägel von so vielen Leuten betrachtet werden. Er fragt sich, was die Maniküre gekostet hat. All die kleinen Dinge zwischen Leben und Tod haben ihren Preis. Der Tod kostet erst mal nicht viel. Es fängt zum Beispiel mit einem Fünfzig-Dollar-Besuch beim Arzt an. Aber nach und nach zahlt man drauf. Man versucht den Krebs oder irgendeine andere Krankheit, die einen plagt und zerstört, zu bekämpfen.

Manchmal sind es auch nicht fünfzig Dollar. Manchmal sind es nur fünf. Oder zehn. Eine Investition von zehn Dollar. Ein Messer, zum Beispiel. Oder eine Gartenschere. Sie schneiden schneller durch Haut und Fleisch als jede Krankheit. Egal, was dich zerstört, es gibt immer Unkosten. Für neue Kleidung, um die blutigen Sachen zu ersetzen. Oder für kleinere Klamotten, um die Sachen zu ersetzen, in die dein ausgemergelter Körper nicht mehr reinpasst. Für den Alkohol, um die Nerven zu beruhigen. Und die Familie des Opfers wälzt Hochglanzkataloge für Särge, wählt Farbe, Ausführung und Stil nach dem aus, was momentan eben angesagt ist. Die Grabstelle - nur die beste Lage heutzutage - kommt noch zur Rechnung dazu, außerdem ein neuer Anzug oder ein neues Kleid für den Leichnam. Und die Trauerkleidung. Wenn die schlechten Nachrichten von einem Cop statt von einem Arzt überbracht werden, steigen die Ausgaben noch schneller. Ein Mord, und Bargeld fließt in Strömen. Honorare. Prozesse. Anwälte. Nachrichtenbeiträge. Leute, die Rechnungen stellen und Kapital aus dem Bösen schlagen.

Der Tag kühlt langsam ab. Das sollte er auch. Die Luft im Innern des Hauses ist zum Schneiden - sie riecht und schmeckt nach fauligem Obst. Landry kann weder die Klimaanlage einschalten noch eines der Fenster öffnen - nichts ist erlaubt, was die Temperatur im Haus verändern könnte. Der Gerichtsmediziner und die Jungs von der Spurensicherung bekämen einen Anfall. Er geht rüber zum Fenster und blickt hinaus in den Tag, der sich langsam dem Ende zuneigt, und fragt sich, ob er wirklich irgendwann zu Ende geht. Der gepflegte Garten mit seinen goldgelben Kieselsteinen und teuren Pflanzen ist übersät mit den gelben Plastiktäfelchen der Spurensicherung. Mit ihren schwarzen Zahlen wirken sie wie größere Versionen dieser Bestellmarken, die man in der Pizzeria bekommt. Er fragt sich, ob beide von derselben Firma hergestellt werden oder je nach Maß von verschiedenen Unternehmen.

Auf dem benachbarten Haus steht die Sonne. Sie gleißt auf dem dunkelblauen Metalldach und lässt die Zitronen im nahegelegenen Baum violett wirken. Landry ballt die Hände zu Fäusten. An den Fenstern des Reihenhauses stehen die Bewohner. Mit aufgerissenen Augen und weit geöffneten Mündern starren sie ihn an, die Blicke von ehrfürchtigem Staunen erfüllt. Er wünschte, er könnte sie verhaften. Er wünschte, er könnte den Typen feuern, der es versäumt hat, rüberzugehen und große Planen aufzuhängen, um ihnen die Sicht zu versperren. Angewidert wendet er sich ab.

Mit vorsichtigen Schritten durchquert er das Zimmer. An einigen Stellen ist getrocknetes Blut zu sehen, und es gibt Spuren von Gewalt. Wie an dem anderen Tatort.

Es ist nicht zu übersehen, dass hier eine Frau gewohnt hat - da sind zwei Blumenvasen, mehrere langweilige Gemälden mit romantischen Motiven und Kerzen auf dem Schminktisch. Der ganze Krempel, den seine Frau rumliegen hatte, als sie noch seine Frau war. Unter einem Spiegel an der Wand, dessen Glas mit Flecken von Haarspray beschmiert ist, sind verschiedene Artikel zur Haar- und Gesichtspflege verteilt. Und auf dem Boden neben mehreren Paar Schuhen liegt ein Föhn. Außerdem bemerkt er einen Abfalleimer voller Papiertaschentücher und Wattestäbchen. Ein Paar Hausschuhe, die wie die Köpfe von Cartoon-Löwen aussehen. Und an der Wand neben dem Kleiderschrank einen Kalender mit alten Filmplakaten. Das Blatt für Februar zeigt einen wütenden King Kong von 1933 auf dem Dach des Empire State Building, der mehrere Flugzeuge abwehrt, während er verzweifelt sein Mädchen umklammert hält. Keiner der Tage ist eingekreist, es gibt keinen Eintrag. Nichts, was auf diesen schrecklichen Tag hindeuten würde.

Das Zimmer ist mit Fingerabdruckpulver und dutzenden von leeren Plastikbeuteln für Beweisstücke übersät. Auf dem Boden verstreut liegen ein paar vereinzelte Handschuhe, Notizbücher und amtliche Formulare. In aller Ruhe befestigt der Gerichtsmediziner Papiertüten an Händen und Füßen der Toten, um so die Spuren unter ihren Nägeln zu schützen. Neben ihm steht einer seiner Koffer mit einer Auswahl an Scheren, Klingen, Wattestäbchen und Nadeln. In einem größeren Plastikeinsatz, fein säuberlich aufgereiht, befinden sich etikettierte Behälter mit Proben von Haaren, Stofffasern und Blut. Dann sind da noch die Listen mit den Gegenständen, die im Haus gefunden wurden, sowie unzählige verstreute Gummibänder, Lineale und Maßbänder. Bei Landrys Ankunft sah es nicht ganz so chaotisch aus. Inzwischen hat es den Anschein, als wäre ein Wirbelsturm durchs Haus gefegt. Kurz vor der Schlafzimmertür wartet ein sauber gefalteter Leichensack darauf, den Grund für diesen Wirbelsturm in sich aufzunehmen.

Ein Mitarbeiter der Spurensicherung mit behaartem Nacken und einem nervösen Zucken macht Fotos von dem Leichnam; das Piepsen und Flackern des Blitzlichts ist Landry die ganze letzte halbe Stunde gehörig auf die Nerven gegangen. Sein Kollege hat zwei Fotoapparate um den Hals baumeln, eine 35mm-Kamera, und eine digitale. Alle paar Minuten muss er den Film wechseln.
Landry schnappt sich das Adressbuch des Opfers, geht in eine Ecke des Zimmers und prüft es zum dritten Mal. Einige der darin Verzeichneten wissen wahrscheinlich immer noch nicht, was passiert ist. Andere wiederum weinen sich an einer starken Schulter aus oder betäuben ihren Schmerz mit Alkohol, während sie sich fragen, warum, zum Teufel, diese Welt so ein beschissener Ort ist.

Plötzlich hat er genug. Er klemmt sich das Adressbuch unter den Arm, verlässt das Zimmer und schiebt sich an den anderen Detectives vorbei in den Flur. Sie sprechen ihn an, doch er muss raus hier, sofort. Er eilt die Treppe hinunter und steuert auf die Eingangstür zu. Ihm geht ein Radio-Jingle nicht mehr aus dem Kopf, von einer Werbung für Sicherheitssysteme. Wäre die Frau trotzdem tot, auch wenn sie diese Werbung gehört hätte? Er kämpft gegen das Verlangen an, die Melodie vor sich hin zu summen.
Er zerrt an seinem Hemdkragen. Im Haus ist es heiß, verdammt heiß. Abgesehen vom Schlafzimmer gibt es im Haus keinen weiteren Anzeichen von Gewalt - keine zerschlagenen Möbelstücke, keine Blutflecken. Genau wie an dem anderen Tatort. Keine zerbrochenen Fenster. Kein gewaltsames Eindringen. Lediglich zwei tote Frauen, und kein Motiv. So ist es immer.

Er schafft es nach draußen und läuft zur Seite des Hauses, wo er sich hinhockt und trocken in der kühlen Abendluft würgt. Schnell zieht er aus seiner Tasche zwei Plastiktüten für Beweismittel hervor. In die eine lässt er das Adressbuch rutschen. Und nachdem er sich versichert hat, dass ihn niemand beobachtet, hält er die andere an den Mund. Schon nach wenigen Sekunden hört er auf zu würgen und spuckt die letzten Essensreste in die Tüte. Dann verschließt er sie sorgfältig und geht zum Wagen.

Er kann jetzt nicht ins Haus zurück. Noch nicht. Wahrscheinlich nicht mal heute Abend. Normalerweise würde er sich um alles kümmern, den ganzen Tag dort bleiben - so lange, wie es eben dauert. Allerdings hat er sonst auch nicht so eine heiße Spur wie in diesem Fall. Er legt die Tüte mit dem Erbrochenen in den Kofferraum. Er kann sich vorstellen, was für Sprüche er von den Kollegen zu hören bekäme, wenn sie wüssten, dass er sich übergeben hat. Noch einmal nimmt er das Adressbuch heraus und sieht es erneut durch, sucht nach irgendwelchen Hinweisen auf Charlie Feldman. Aber Fehlanzeige. Und das ist seltsam. Denn in einer dritten Tüte, die er in seiner Jackentasche hat, steckt ein Notizblock, den er neben der Leiche gefunden hat. Und Landry kann es kaum erwarten zu erfahren, wie Mr. Feldmans Name auf diesem blutverschmierten Notizblock gelandet ist.